5. August 2012

Prostatakarzinome

Zum metastasierten Prostatakarzinom wurden beim diesjährigen amerikanischen Krebskongreß ASCO u.a. die Daten von zwei praxisrelevanten Studien vorgestellt.
In der ersten Studie (S9346 / INT-0162) wurde eine intermittierende mit einer kontinuierlichen antihormonellen Therapie verglichen. Insgesamt wurden knapp mehr als 3000 Patienten nach 7-monatiger antihormoneller Therapie mit Goserelin und Bicalutamid und Therapieansprechen randomisiert auf eine kontinuierliche oder intermittierende antihormonelle Therapie. Bei Patienten mit ausgedehnter Erkrankung erwies sich die intermittierende Therapie als nicht unterlegen im Vergleich mit einer anhaltenden antihormonellen Dauertherapie; bei Patienten mit minimaler Krankheitsausbreitung war die intermittierende Therapie einer Dauerbehandlung jedoch unterlegen. Diese Studie zeigt einerseits, dass eine kontinuierliche / dauerhafte antihormonelle Therapie zwar weiterhin einen grundsätzlichen Behandlungsstandard darstellt, dass zumindest aber bei Patienten mit ausgedehnterer Erkrankung eine von Therapiepausen geprägte, intermittierende Behandlung eine vertretbare Alternative darstellen kann ( Hussain et al., J Clin Oncol 30, 2012 (suppl; abstract 4).

In einer weiteren Studie (COU-AA-302) wurde Abirateron (Zytiga (R)), ein Enzymhemmer, der die Produktion männlichen Geschlechtshormon aus der Nebenniere hemmt, untersucht. Abirateron ist bereits zugelassen zur Behandlung sogenannter kastrationsrefraktärer Prostatakarzinompatienten, die nach herkömmlicher antihormoneller Therapie und nach Chemotherapie mit Docetaxel ein Fortschreiten der Erkrankung aufweisen. In der o.g. Studie wurden knapp über 1000 Patienten untersucht, die ein Fortschreiten der Erkrankung nach bisheriger, konventiuoneller antihormoneller Therapie aufwiesen und noch keine Chemotherapie mit Docetaxel erhalten hatten. Dabei zeigte sich in einer vorläufigen Analyse der Studienergebnisse, dass Abirateron auch bei dieser Patientengruppe vorteilhaft erscheint. Die Zeit bis zur PSA-Progression wurde im Vergleich zu einer Plazebotherapie um 6 Monate, die Zeit bis zur Einleitung einer Chemotherapie um 8-9 Monate verlängert. (Ryan et al., J Clin Oncol 30, 2012 (suppl; LBA4518).  In einer Stellungnahme der europäischen Krebsgesellschaft ESMO wird beschrieben, dass die o.a. Studie einen neuen Therapiestandard bei der Behandlung Chemotherapie-unvorbehandelter Patienten mit "kastrationsrefraktärem" Prostatakarzinom darstellt.     
Plasmozytom / Multiples Myelom
Am 20.7.2012 wurde das neue Medikament Carfilzomib (Kyprolis (R)) von der US-amerikanischen Zulassungsbhörde FDA für die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem Plamozytom zugelassen. Carfilzomib ist - nach Bortezomib (Velcade (R)) - ein neuer sogenannter Proteasominhibitor, der - wie in der Phase IIB Studie 003-A1 nachgewiesen wurde - bei etwa einem Viertel der (einschließlich Bortezomib-) vorbehandelten Patienten eine Tumorremission hervorrufen konnte.  Eine Zulassung durch die europäische Zulassungsbehörde EMA steht derzeit noch aus.
Pankreaskarzinome / Bauchspeicheldrüsenkrebs
Bislang war nicht geklärt, ob Patienten mit einem sogenannten periampullären Pankreaskarzinom (einem Karzinom des Pankreaskopfes) von einer adjuvanten Chemotherapie (einer Sicherheitschemotherapie) nach Operation profitieren würden. In einer sogenannten Multivarianzanalyse der ESPACC-3 Studie ergaben sich in der am 11.7.2012 in der Zeitschrift JAMA veröffentlichten Studie Hinweise darauf, dass eine adjuvante Chemotherapie mit Gemcitabin die Überlebenschancen von Patienten mit periampullärem Pankreaskarzinom verbessern kann.
Kolonkarzinome / Dickdarmkrebs - adjuvante Chemotherapie
In einer ersten Auswertung der großen europäischen PETACC 8 - Studie, die beim ESMO/14.World Congress on Gastrointestinal Cancer Ende Juni 2012 in Barcelona vorgestellt wurde, wurde beobachtet, dass die ergänzende Therapie mit dem Antikörper Cetuximab zusätzlich zu der adjuvanten Standardchemotherapie mit FOLFOX (FOLFOX-4) mit keinem zusätzlichen Vorteil für das sogenannte krankheitsfreie Überleben der Patienten mit einem Stadium III eines Kolonkarzinoms verbunden ist. Die endgültigen Ergebnisse bleiben zwar abzuwarten; zunächst gibt es aber keine Veranlassung, den Antikörper Cetuximab (Erbituix (R)) im Rahmen der adjuvanten Therapie einzusetzen. Cetuximab ist zugelassen für die Behandlung von Patienten mir metastasiertem Kolonkarzinom ohne sog. K-ras-Mutation.
Bronchialkarzinome (Lungenkrebs) / Nichtkleinzellige Bronchialkarzinome / NSCLC
Die europäische Zulassungsbehörde (EMA) hat am 19.7.2012 eine vorläufige Zulassung  für das Medikament Crizotinib (Xalkori (R)) erteilt. Crizotinib ist ein  Medikament, das die sog. ALK-(anaplastic lymphoma kinase) Rezeptor-Tyrosinkinase hemmt. Genveränderungen des ALK-Rezeptors finden sich u.a. bei einem geringen Prozentsatz von Patienten mit nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom / nichtkleinzelligem Lungenkrebs. Patienten mit dieser seltenen Form von nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom sprechen kaum auf eine konventionelle Chemotherapie an; bei Therapie mit Crizotinib hingegen läßt sich bei 60% der Patienten eine Tumorverkleinerung erzielen. Die EMA folgt damit sinnvollerweise der bereits zuvor erfolgten Zulassung dieses Medikaments durch die amerikanische Zulassungsbehörde, FDA. Mit Crizotinib steht somit ein weiteres Medikament für die sogenannte "personalisierte" Behandlung von Patienten mit Lungenkrebs zur Verfügung.
Brustkrebs (Mammakarzinom): Everolimus (Afinitor(R) + Exemestan (Aromasin(R)
Am 21.6.12 hat die europäische Zulassungsbehörde (EMA) die Zulassung für die Behandlung postmenopausaler Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem, HER2-negativem Mammakarzinom (Brustkrebs) mit der Kombinationstherapie bestehend aus Everolimus und Exemestan erteilt, nachdem eine antihormonelle Vorbehandlung mit einem sogenannten nicht-steroidalen Aromataseinhibitor versagt hat (z.B. mit Anastrozol [Arimidex (R)]oder Letrozol [Femara (R)]). Diese Zulassung ist erteilt worden in Konsequenz der positiven Ergebnisse der sogenannten BOLERO-Studie. Diese Zulassung eröffnet die Möglichkeit für einen längeren Behandlungszeitraum mit einer Tablettentherapie anstelle eines frühen Wechsels auf eine klassische Chemotherapie.